“Es gehen mir so viele Dinge durch den Kopf, die nichts mit Golf zu tun zu haben.” – Jon Rahm

Im Jahr 1997 fand der Ryder Cup zum ersten und bisher einzigen Mal in Spanien statt. Im berüchtigten Valderrama Golf Club gewann Team Europa trotz einer furiosen Last-Minute-Aufholjagd der Amerikaner den Titel. Am anderen Ende des Landes, etwa 1000 Kilometer nördlich, saß ein spanisches Ehepaar in dem kleinen Fischerdorf Barrika gebannt vor ihrem Fernsehapparat und bejubelten ihre Landsleute Seve Ballesteros, Ignacio Garrido und José Maria Olazábal dabei, wie sie ihrem Team zum Ryder-Cup-Titel verhalfen. Edorta und Angela fassten an diesem Wochenende einen Entschluss: Sie würden selbst mit dem Golf spielen beginnen. Welche Auswirkung diese Entscheidung auf das Leben ihres Sohnes haben würde, ahnte das Ehepaar-Rahm zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Jon Rahm gemeinsam mit seinen stolzen Eltern im Jahre 2018 bei der Open de Espana. (Foto: Getty)

Jon Rahm gemeinsam mit seinen stolzen Eltern im Jahre 2018 bei der Open de Espana. (Foto: Getty)

Der Startschuss: Vom Baskenland nach Arizona

Edorta und Angela Rahm begannen im ansässigen Club mit dem golfen. Nach einigen Jahren nahmen die beiden auch ihren Sohn Jon – zum Zeitpunkt des Ryder Cups war dieser gerade drei Jahre alt – mit auf den Golfplatz und dieser verliebte sich sofort in das Spiel. Bereits im Alter von 13 Jahren schaute er stundenlang Videos von Miguel Angél Jiménez. Ihn begeisterte das kreative und risikoreiche Spiel seines Vorbilds. Egal ob dieser mit dem Eisen 4 und einem entsprechend aufgedrehtem Schlägerblatt aufs Grün chippte oder andere Kunststücke vollbrachte, Jon Rahm versuchte das Spiel von Jiménez zu adaptieren.

Besonders sein Vater Edorta erkannte das Talent seines Sohnes früh und legte ihm nach seiner Schulzeit nahe, in die USA zu ziehen. Doch niemand kannte den baskischen Jung-Golfer dort, ernsthafte Angebote von Universitäten aus Übersee blieben aus und somit entschied sich Jon Rahm dazu, in Madrid zu studieren. Doch nach einem Jahr, in dem er weiterhin an seinem Spiel feilte, bekam der Baske einen Anruf von Tim Mickelson, dem Bruder des legendären Phil Mickelson. Tim Mickelson war zu dieser Zeit Cheftrainer des Golfteams der Arizona State University und bekam aus den Kreisen des spanischen Golfverbandes einen Hinweis, dass dieser Jon Rahm “ein riesiges, unentdecktes Talent sei”. Kurzentschlossen bat er ihm ein volles Stipendium an seiner Universität an – Gerüchten zufolge, ohne ihn jemals Spielen gesehen zu haben – und Jon Rahm sagte zu.

College-Rekorde trotz Sprachproblemen

Angekommen in den USA offenbarte sich gleich das erste Problem: Jon Rahm sprach kaum ein Wort Englisch. Doch angetrieben von dem golferischen Talent des Basken verlor Trainer Tim Mickelson nicht die Hoffnung. Für jedes spanisches Wort aus seinem Mund musste Jon Rahm künftig zur Strafe Fitnessübungen machen, sein Englisch verbesserte sich auch mit Hilfe dieser etwas militanten Maßnahme rasant. Gemeinsam mit dem deutschen Profi Max Rottluff bildete Jon Rahm an der Arizona State University das beste Golf-Duo in der Geschichte dieser Universität. Die beiden gewannen elf Turniere, nur Phil Mickelson war in der amerikanischen College-Golf-Geschichte mit 16 Turniersiegen erfolgreicher, und Jon Rahm hält mit 60 Wochen an der Spitze des World Amateur Golf Rankings bis zum heutigen Tag den unangefochtenen Rekord in dieser Wertung. Sein Trainer Tim Mickelson prophezeit zu dieser Zeit: “Vor seinem 30 Lebensjahr wird Jon Rahm ein Ryder Cupper”.

In seinem dritten College-Jahr war es dann endlich soweit: Jon Rahm wurde erstmalig zu einem PGA-Tour-Turniere eingeladen. In Arizona, seiner neuen Heimat, fand die Phoenix Open statt. Er streifte sich das ASU-Football-Jersey seiner Universität über, den Rücken zierte in dunkelroten Ziffern mit goldenem Rahmen die Nummer 42, darüber war sein Spitznamen “Rahmbo” zu lesen. Getragen von dem ekstatischen Jubel der Zuschauer spielte sich Jon Rahm rauschhaft durch die vier Runden des Turniers und beendete das Turnier auf dem fünften Platz, dem besten Ergebnis eines Amateurs auf der PGA Tour seit über sieben Jahren. Rahm animierte das Publikum immer wieder und zeigte sich nach verpassten Chancen sehr emotional. Schon damals war sein Temperament zu erkennen, wofür ihn in den folgenden Jahren die Zuschauer lieben lernten.

“Rahmbo” im ASU-Football-Jersey bei der Phoenix-Open. (Foto: Getty)

Jon Rahm: Ryder-Cupper bereits mit 22 Jahren

Ein Jahr später feierte er bei seinem Major-Debüt, der US Open 2016, einen vorzüglichen 23. Platz und wechselte nach dieses Turniers endgültig ins Profi-Lager. Es folgte Unglaubliches. Beim Quicken Loans National, seinem allerersten Turnier als Profi, führte Jon Rahm das Feld nach zwei Runden an und beendete das Turnier auf dem dritten Platz. Damit qualifizierte er sich gleich für die wenige Wochen später stattfindende British Open, die er allerdings ohne großen Erfolg bestritt. Doch nur eine Woche nach dem Major trat er bei der RBC Canadian Open an und spielte sich furios auf den zweiten Platz. Weniger als einen Monat nachdem er ins Profi-Lager gewechselt war, spielte Jon Rahm sich bereits bei zwei PGA-Tour-Turniere die Top 3 und hatte bereits die Tourkarte für die kommende Saison in der Tasche. Coach und Manager des Basken übrigens noch immer: Tim Mickelson. Der ehemalige ASU-Golf-Coach gab seine Stelle auf, um sich voll auf Jon Rahm zu konzentrieren.

Die Erfolgsgeschichte ging weiter. Mit einem 20-Meter-Eagle-Putt auf Bahn 18 griff es sich – ganz in Miguel-Angél-Jiménez-Manier – bei der Farmers Insurance Open seinen ersten PGA-Tour-Titel im Januar 2017. Es folgte ein weiterer Turniersieg auf der PGA Tour und drei weitere auf der European Tour, unter anderem bei der Open de Espana, bis Tim Mickelsons Prophezeiung im September 2018 wahr wurde: Jon Rahm wurde Ryder Cupper. Er verhalf seinem Team als Debütant, mit gerade einmal 22 Jahren, in Paris zum Sieg und bezwang dabei niemand geringeren als dem großen Tiger Woods am Finalsonntag dieses legendären Teamevents.

Jon Rahms Eagle-Putt bei der Farmers Insurance Open

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Die zweite spanische Nummer 1 in der Geschichte des Spiels

2019 brillierte Jon Rahm auf der European Tour. Eindrucksvoll gewann er die DP World Tour Championship in Dubai und damit das “Race to Dubai”, der Saisonwertung der European Tour. Darüber hinaus wurde er zum “European Tour Golfer of the Year” gewählt. Jon Rahm war nach weniger als drei Jahren als Profi angelangt auf dem Thron des golferischen Europas, doch es ging noch weiter nach oben für den einstigen Jungen aus einem kleinen baskischen Fischerdorf. Nach weiteren Triumphen feierte Jon Rahm am 19. Juli den Sieg beim Memorial Tournament und schrieb damit Geschichte: Er wurde die Nummer eins der Weltrangliste. Nach Seve Ballesteros, seinem Kindheitsidol, als zweite spanischer Golfer aller Zeiten . “Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Dies war mein Ziel, seit ich 13 Jahre alt war. Seve ist ein sehr besonderer Spieler für uns alle und Zweiter nach ihm zu sein, ist eine wahre Ehre”, erklärte Jon Rahm völlig aufgelöst nach dem Memorial Tournament.

Jon Rahms emotionales Interview nach dem Memorial Tournament

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Jon Rahm hatte diese Platzierung nur zwei Wochen inne, bis Justin Thomas ihn ablöste. Doch die Karriere des 26.Jährigen ist noch jung. Bisher fehlen ihm Majortitel, obwohl er das US Masters, die US Open und die PGA Championship bereits unter den Top 5 beendete. Und auch eine Teilnahme bei Olympia oder gar eine Olympische Medaille fehlt noch in seinem schon prall gefüllten Trophäenschrank. Wenn es ihm gelingt, seinen kometenhaften Aufstieg weiter fortzusetzen und auch die fehlenden Titel in den kommenden Jahrzehnten noch zu gewinnen, wird die Welt vielleicht irgendwann über Jon Rahm als den besten spanischen Golfer aller Zeiten sprechen.





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