Die Vokabel „Legende“ ist gerade in der Sportberichterstattung ein ziemlich inflationär benutzter Begriff: Irgendwer schafft was halbwegs Besonderes und wird prompt zur Legende erklärt. Wahlweise zur Ikone. Es gibt noch und nöcher legendäre Ereignisse, Erfolge, Situationen; die Arenen sind voll lebender und das Pantheon des Sports gefüllt mit bereits von dieser Welt gegangenen Legenden.

Bei näherem Hinschauen allerdings entpuppen sich viele und vieles vergleichsweise als Popanz, verdienen fraglos Beifall und Anerkennung – indes, zum Legendenstatus ist‘s in Wahrheit ein weiter Weg. Um das auf Golf herunter zu brechen und mit Namen zu versehen: Jack Nicklaus und Tiger Woods, Gary Player und der verstorbene Arnold Palmer sind Legenden, Ben Hogan, Bob Jones, Walter Hagen sowieso.

Weiskopf nimmt McIlroy ins Visier

Damit stellt sich zwangsläufig die Frage, ob die Stars von heute, die in Sachen Majors mit weitem Abstand folgenden Rory McIlroy und Brooks Koepka beispielsweise – jemals die Legenden von morgen sein werden? Gefolgt von der steilen These, dass es dafür mehr braucht als eine Handvoll Majors, dass sie in einer Welt des Überangebots und der mannigfachen Zerstreuungen, Ablenkungen und nicht zuletzt der zahllosen Bühnen zur Selbstvermarktung hingegen bereits viel zu satt sind, um sich ohne Wenn und Aber dem sportlichen Erfolg zu verschreiben.

Befeuert wurde dieses Paradigma neulich durch eine Bemerkung des 1973er-Champion-Golfers Tom Weiskopf, der Rory McIlroy attestierte, Golf sei für ihn bloß noch ein Job. „Ich sehe keine Entschlossenheit und keinen unbedingten Willen, wieder der Beste zu sein“, sagte der Amerikaner – übrigens gerade mit Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert – gegenüber „Golfweek“ und bezeichnete weitere Majorsiege als „sehr unwahrscheinlich“.

Woods und Nicklaus „lebten nur für den Erfolg“

Obwohl „Rors“ pikiert auf das „wenig faire Urteil von außen“ reagierte („Er kennt mich gar nicht“), auf seine Zeit als Bester, sprich als Weltranglistenerster verwies und reklamierte, dass „ich mein Herz in jeden Schlag, in jedes Turnier lege und mir die Seele aus dem Leib spiele“ – an Weiskopfs Worten ist was dran.

Tiger Woods und Jack Nicklaus sind deswegen so unerreicht und wohl unerreichbar erfolgreich, „weil sie nur für den Erfolg lebten“, urteilt beispielsweise Trainer-Doyen Butch Harmon: „Sie liebten es, der Typ zu sein, auf dem alles lastet,  wenn‘s ums Ganze geht.“ Und: „Ich glaube, das ist eine Frage deiner DNA, deiner Persönlichkeit. Beide waren ungeheuer harte Arbeiter.“

Heutzutage braucht‘s diesen unnachgiebigen Biss, diese uneingeschränkte Hingabe nicht. Das Selbstverständnis ist ein anderes, längst wird nicht mehr alles dem großen sportlichen Ziel untergeordnet, ja geopfert, wie selbst Werbe-Ikone Arnold Palmer es tat. Niemand muss mehr exorbitant gut und einschüchternd dominant sein, um vermögend und berühmt zu werden.

Flugs Millionär und Celebrity

Gerade bei den Herren reicht doch, ein paar Turniere auf der PGA Tour zu gewinnen, erst recht, wenn Majors darunter sind: Man ist flugs Millionär und auf Dauer ein gemachter Mann, wenn man sich mit Prämien und Sponsorengeldern nicht allzu blöd anstellt; steht im Rampenlicht der Öffentlichkeit, gepusht und überhöht von der Oberflächlichkeit sozialer Medien; ist mit Celebrities anderer Branchen auf Du und Du, wird selbst zum VIP; hat Zugang und Möglichkeiten von nie da gewesenem Ausmaß.

Dabei geht es gar nicht mal um Kritik, ebenfalls nicht um Sozialneid. Sondern schlicht um Tatsachen und Fakten in einer Welt 4.0, in der coole Fotos oft mehr zählen als inhaltsreiche Taten.

Harmon an Fowler: Profi oder eine Art Kardashian?

Womit sich der Fokus sofort auf Rickie Fowler richtet, das Paradebeispiel für dieses Phänomen. Gemessen an seinen Möglichkeiten ist der Kalifornier allenfalls Mittelmaß, ein „Unter-Performer“ auf dem Platz, andererseits ein „Über-Performer“ in Sachen Popularität und Style. Oder wie „Golfweek“ bissig befand: „Er hat mehr Sponsoren als Titel auf der PGA-Tour, steht öfter bei Werbespots im Rampenlicht als am Sonntag Nachmittag, wenn es um den Turniersieg geht.“

Sein größter Erfolg war der Players-Gewinn 2015, um ein Major mischte er letztmals beim Masters 2017 wirklich mit, danach versuchte ihm sein damaliger Coach Butch Harmon den Kopf zurechtzurücken: „Du musst Dich entscheiden, ob Du ein Profi sein willst oder eine Art Kardashian!“

Reichtum trotz Trophäen-Armut

Den Professional freilich, so „Golfweek“ weiter, mime der mittlerweile aus den Welt-Top-50 gerutschte „Poster Boy“ Fowler vornehmlich als Testimonial für dies und das vor den Kameras. Seine Karriere sei vor allem eine „Masterclass“ für Marketing und Management: Er laufe in Gefahr, ein „Aushängeschild für die Einseitigkeit des modernen Golfsports zu werden, wo einer trotz Trophäen-Armut reich werden kann“.

Im Wortsinn noch augenfälliger passt Ian Poulter in diese Argumentationskette. Bei all seinen Ryder-Cup-Verdiensten hat der Engländer nicht wirklich was Großes gewonnen – schon gar nicht mehr seit den beiden WGC-Turnieren 2012 – lässt aber via Social Media einen Lebensstandard raushängen, dass dem Betrachter die Spucke wegbleibt.

Noch mal, man darf es ihnen nicht übel nehmen. Sie nehmen mit, was diese schnelllebigen Zeiten ihnen ermöglichen. Poulter ist ein genialer Selbstdarsteller, seinen Werbepartnern scheint das zu genügen.

„D. J.“: Mahnende Worte einer echten Legende

Zudem hat nicht jeder eine wahrhaftige lebende Legende zum Schwiegervater wie Dustin Johnson, dem „The Great One“ Wayne Gretzky eindringlich nahe gelegt hat: „Nimm Dir mal ein Beispiel an Tiger Woods!“ Gemeint waren Ehrgeiz, Zielsetzung und Zielstrebigkeit. „D. J.“, der einstige Lebemann und Salonlöwe, ohnehin ausgestattet mit immensem Talent, idealen körperlichen Voraussetzungen und der Gelassenheit eines Kiesels, hörte diesmal gut zu und gewann mit dem Masters im November endlich sein zweites Major nach 2015. Ein Leben im Luxus lebte er gleichwohl vorher schon, was zu beweisen war:

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I Accept

„Legende“ leitet sich übrigens vom mittelalterlichen „legenda“ ab: „das, was zu lesen ist“. Gemäß Duden sind damit ursprünglich „kurze, erbauliche religiöse Erzählung über Leben und Tod oder das Martyrium von Heiligen“ gemeint. Und im übertragenen Sinn eine „Person oder Sache, die so bekannt geworden ist, einen solchen Status erreicht hat, dass sich bereits zahlreiche Legenden um sie gebildet haben“, Stichwort „Mythos“.

Beletage in der Ruhmeshalle scheint unerreichbar

Vielleicht wollen die McIlroy, Koepka etc. gar keine „Golf-Heiligen“ sein. Jedenfalls nicht um jeden Preis und unter Aufgabe all der weltlichen Verlockungen und Genüsse, die mit dem Erfolg einhergehen. Auch ok. In der Ruhmeshalle gibt‘s ja durchaus unterschiedliche Hänghöhen. Die Beletage im Giebel freilich scheint fürs aktuell aktive Personal unerreichbarer denn je.





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