Es war einmal ein abgelegenes Dorf hoch droben an den Gestaden der Nebelinsel. Seine Bewohner gingen dem Fischfang nach, bauten Kohle ab und brannten „uisge beatha“, das Wasser des Lebens. Sie führten ein karges Dasein zwischen Gezeiten und Gischt, doch hütete das Dorf vor seinen Toren auch einen besonderen Schatz, der Pilger von überallher und selbst berühmte Recken aus fernen Ländern anlockte, um auf den salzigen Wiesen am Meer mit Stock und Ball ihrem Spieltrieb zu frönen.

Eines Tages aber legte sich ein tiefschwarzer Schatten über das Land und die Welt, Krankheit, Siechtum und selbst der Tod gingen umher. Zuweilen war den Menschen gar untersagt, ihre Häuser zu verlassen, Auswärtige mussten fern bleiben, und das Dorf fürchtete um den Fortbestand seines Schatzes …

Wirtschaftliche Unbilden des Corona-Jahrs

Was sich liest wie ein Märchen, ist tatsächlich fast eins. Es handelt von den wirtschaftlichen Unbilden des Corona-Jahrs, von Unterstützung aus aller Welt, schließlich von der Rettung des Brora Golf Club. Dieser Linkskurs in den schottischen Highlands, eine gute Autostunde nördlich von Inverness und noch etliche Kilometer jenseits von Royal Dornoch, mag kaum bekannt sein, ist indes beileibe nicht irgendein Parcours.

Brora gehört zweifelsohne zu den Preziosen in Schottlands Golf-Schatzkammer und darf durchaus Ikonenstatus in Anspruch nehmen. Zu seinen Ehrenmitgliedern zählen der achtfache Majorsieger Tom Watson (USA) und der 2018 verstorbene Australier Peter Thomson, der fünf Open Championships gewonnen hat und Brora mal „einen der feinsten natürlichen Linkskurse“ nannte, „den ich zu spielen das Vergnügen hatte“.

Brora Golf Club wurde 1891 gegründet

Seit 1891 gibt es den Golfclub an der Mündung des gleichnamigen Flusses in die Nordsee. Man spielte anfangs auf neun Loch, ehe das Layout von Royal Dornochs Geschäftsführer John Sutherland erweitert und in der Folge von den legendären Engländern J. H. Taylor und James Braid, beide fünfmalige Champion Golfers of the Year, überarbeitet wurde. Letzterer sorgte 1923 für das noch heute gültige, seither nahezu unberührte Design-Arrangement des klassischen Out-and-In-Links-Layouts.

Die Nordsee als Wasserhindernis

Brora hat keine Dünen, doch nur wenige Linksplätze haben so viele Bahnen so dicht am offenen Wasser. Die Optik der Küstenlandschaft ist grandios. Wenn der Wind bläst, fliegt einem die Kappe vom Kopf. Und die Grüns sind teuflisch schwer zu lesen und sowieso höllisch schnell. Kurz: Brora ist ein Must-Play für jeden, der die Region um den Dornoch Firth mit dem Bag bereist.

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I Accept

So begehrenswert Urwüchsigkeit und Abgeschiedenheit für Puristen und Traditionalisten sein mag, in Krisenzeiten erweist sich das als Malus. Mit dem ersten Shutdown der britischen Golfplätze versank Brora in einen Dornröschenschlaf, aus dem Club und Platz nicht mehr wirklich erwachen wollten. Was wunder, wenn Einheimische zumeist in einen engen Reise-Radius gezwungen wurden, als Golf wieder erlaubt war, und Trips nach Schottland allenfalls im Schnell-rein-schnell-raus-Prinzip erfolgten, bei dem sich alle Welt naturgemäß auf die großen Namen fokussierte.

Kult-Kleinod und lokale Lebensader

Das entlegene Kult-Kleinod Brora, gleichermaßen Lebensader des lokalen Gemeinwesens, hatte niemand mehr wirklich auf dem Radar. In der Clubkasse herrschte Ebbe, bis auf drei Unentwegte mit reduziertem Lohn waren alle Mitarbeiter unbezahlt beurlaubt, es drohte die Schließung. Präsident Andy Stewart sprach davon, dass „Brora nach dieser Pandemie womöglich nicht mehr existiert. Wir kämpfen gerade ums Überleben “. Ohnehin ist die Ambivalenz phänomenal, mit der Corona vielfach Golfanlagen ein unerwartetes Wachstum bescherte, während andere aus mannigfachen Gründen auf der Strecke blieben.

„Akt der Güte“

In Brora freilich wollte sich niemand mit einem solchen Schicksal abfinden, der Club kreierte neue Mitgliedschaftsmodelle, Loch-Patenschaften, Gutscheine sowie andere zusätzliche Einnahmemöglichkeiten, wandte sich an die rund 600 Mitglieder, an Stammgäste von außerhalb und auf seinen sozialen Plattformen an die Öffentlichkeit. Mit überwältigendem Erfolg.

Binnen kürzester Zeit wurden 135 „Platin“– und Fernmitgliedschaften von Golfern rund um den Globus gezeichnet, teils lebenslang; die Zuschläge kamen aus Schweden und der Schweiz, aus den USA und sogar aus Japan und Australien; Club-Präsident Andy Stewart („Wir hängen stark von auswärtigen und internationalen Gästen ab“) nannte es einen „Akt der Güte“.

Gavyn Davis, Eigentümer der nicht weniger abgeschiedenen Anlage The Machrie Hotel & Golf Links auf der Isle of Islay und überdies Fan von James Braid, fasst zusammen, was wohl alle Neumitglieder motiviert hat: „Brora ist etwas ganz Besonderes, hat eine spezielle Atmosphäre und eine gewisse Magie – einfach alles, was ein ursprünglicher schottischer Linkskurs haben sollte.“ Ganz nebenbei hatte Davis auch die bestehenden Mitglieder im Blick: „Es ist eine ziemlich große Sache im Leben, wenn du deinen Golfclub verlierst.“

„Wir schauen wieder optimistisch in die Zukunft“

Die Magie bleibt nun erhalten, dem Einzelnen die Tragik erspart. „Unser Club ist extrem wichtig für die Gemeinschaft hier im Ort“, sagt Broras Präsident Stewart. „Wir sind glücklich, dass wir den Herausforderungen dieses Jahrs in gemeinsamer Anstrengung die Stirn geboten haben. Dank unseren 135 neuen Mitglieder und zahllosen anderen Solidaritätsbekundungen schauen wir wieder optimistisch in die Zukunft.“

Oder in Abwandlung des Satzes, mit dem Märchen gemeinhin enden: Und weil sie nun gerettet sind, so spielen sie noch morgen…





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